Interview mit Patrick Lengwiler

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Freitag, 21.12.2018 // 13:40 Uhr

Interview: Sven Aregger / Luzerner Zeitung 21.12.2018

Patrick Lengwiler, sind Sie derzeit ein sorgenloser Geschäftsführer?

Das ist nicht der Fall. (schmunzelt) Der EVZ ist heute mehr als eine Spitzensportmannschaft, er ist ein Unternehmen mit 120 Angestellten und einem Umsatz von rund 30 Millionen Franken. Da gibt es immer Geschäftsbereiche, die gut und weniger gut funktionieren. In meiner Rolle beschäftige ich mich vor allem mit den Bereichen, die nicht wunschgemäss laufen. Aktuell bin ich stark im Marketing und Verkauf engagiert.

Zug hat sich nach wenigen Monaten von Marketingchef Tom Markwalder getrennt. Was ist passiert?

Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass wir unterschiedliche Vorstellungen haben, es hat einfach nicht gestimmt. Der Leiter Marketing und Verkauf ist eine Schlüsselposition, er ist ein Botschafter gegen Aussen. Ich habe vorläufig diese Aufgaben übernommen, um Ruhe in diesen Bereich zu bringen. Erst danach werde ich mich mit einer Nachfolgerekrutierung befassen.

Erfreulich läuft es dagegen auf dem Eis. Der EVZ steht nach der Hälfte der Qualifikation an der Spitze. Was hat Ihnen bisher besonders gefallen?

Beeindruckt bin ich einerseits, wie sich einzelne Spieler entwickelt haben. Ich denke zum Beispiel an die jungen Yannick Zehnder und Livio Stadler oder an Sven Senteler. Anderseits freue ich mich über die Grundeinstellung der Mannschaft. Über weite Strecken der Meisterschaft mussten wir aus Verletzungsgründen auf Schlüsselspieler verzichten, aber niemand hat darüber gejammert. Das ist insbesondere das Verdienst des neuen Coaching-Teams, das keine Entschuldigungen akzeptiert. Stattdessen erhalten junge Spieler das Vertrauen. Das Team tritt an jedem Abend mit dem Ziel an, das Spiel zu gewinnen – unabhängig davon, wer gerade fehlt in der Aufstellung.

Erfüllt der neue Headcoach Dan Tangnes die Strategievorgaben nach Ihrem Geschmack?

Definitiv. Als wir Tangnes verpflichteten, hiess es, es sei mutig, auf einen unbekannten und unerfahrenen Trainer zu setzten. Seine bisherige Arbeit bekräftigt uns in unserem Entscheid, und dies jeden Tag. Er trägt aus vollem Herzen mit, was die Organisation will. Natürlich ist eine finale Beurteilung aber auch abhängig davon, wie erfolgreich wir in den Playoffs sein werden.

Mehr noch als mit den Resultaten hat Zug mit den Zuzügen für Aufsehen gesorgt. Goalie Leonardo Genoni und Stürmer Grégory Hofmann wechseln auf die kommende Saison in die Zentralschweiz. Viele sehen Zug als Transfersieger. Sie auch?

Mit dieser Aussage kann ich nichts anfangen. Auch wenn wir Transfersieger wären – Titel gewonnen haben wir damit noch nicht. Wir setzten mit den Zuzügen einfach das um, was wir uns vorgenommen haben. In unserem 2012 erstellten Leitbild steht, dass wir mit ambitionierten Spitzensportlern und dem eigenen Nachwuchs als Basis den nächsten Titel anstreben. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel in die Juniorenförderung investiert, hier ernten wir nun die ersten Früchte. Aber den Effekt der Hockey Academy werden wir erst in drei, vier Jahren wirklich spüren.

Hofmann und Genoni kosten viel Geld. Ist der EVZ ein Preistreiber?

Nicht mehr und nicht weniger als gefühlte neun andere Klubs auch. Diese Bezeichnung erlaube ich deshalb nicht. Man hat viel über unsere Offerten gelesen. Aber wir wissen, dass andere Vereine ähnliche Angebote vorgelegt haben. Klar sind wir in diesem Jahr offensiver vorgegangen als in der Vergangenheit. Und natürlich sind Genoni und Hofmann teure Spieler. Aber man vergisst gerne, dass wir mit Goalie Tobias Stephan und Stürmer Reto Suri auch gewichtige Abgänge von gut bezahlten Profis haben. In den letzten Jahren verwendeten wir die finanziellen Mittel verstärkt für den Nachwuchs, das 50-Jahr-Jubiläum und die Digitalisierung. In der nächsten Saison werden wir mehr Geld für die erste Mannschaft aufbringen.

Das Budget für das National-League-Team wird also erhöht?

Ja, und zwar im tieferen sechsstelligen Bereich. Es besteht nicht jedes Jahr die Gelegenheit, einen Torhüter wie Genoni oder einen Stürmer wie Hofmann zu verpflichten. Diese Chance wollten wir packen.

Sie haben aber selber schon zu Bedenken gegeben, dass sich die Lohnspirale in der Liga immer weiter nach oben dreht. Dennoch beteiligen Sie sich an diesem Spiel.

Jeder Organisation ist es selber überlassen, wie weit sie gehen will. Ich kann nur für den EVZ sprechen. Unser Ansporn ist, Lugano, Bern und die ZSC Lions im Kampf um den Meistertitel zu bedrängen. Deshalb loten wir unsere finanziellen Grenzen aus, so lange es vertretbar ist. Ich muss und kann für jeden Vertrag geradestehen. Im Unterschied zu einigen anderen Klubs erwirtschaften wir selber das Geld, das wir ausgeben.

Es besteht jedoch die Verlockung, dass der vermögende Präsident Hans-Peter Strebel seine Schatulle für die Transfers öffnen könnte.

Ich habe Mühe mit den kursierenden Behauptungen, dass der EVZ nach Lust und Laune auf die Hilfe eines Milliardärs zurückgreifen könne. Es entspricht nicht seiner und meiner Philosophie, den Spitzensport mit Mäzenatentum voranzutreiben. Es ist auch unfair gegenüber unseren Mitarbeitern, die hervorragende Arbeit leisten und alles dafür tun, um die notwendigen Erträge aus Sponsoring, Ticketing oder Gastronomie zu erwirtschaften. Ich möchte nicht in einer Organisation arbeiten, in der am Schluss ein Mäzen einfach ein erwirtschaftetes Defizit deckt. Denn so wäre es egal, ob ich einen guten oder schlechten Job mache. Meine Leistung wäre nicht wichtig und auf diese Weise könnte ich auch keine Leute führen. Und ausserdem: Wir haben immer transparent kommuniziert, wo sich «HP» Strebel finanziell einbringt.

In der Hockey Academy und im Farmteam.

Richtig. Er hat die Startfinanzierung für die Hockey Academy geleistet, weil er einen langfristigen Nutzen für den EVZ sieht. Das Farmteam unterstützt er in den ersten vier Jahren. Wir sind jetzt in der dritten Saison. Nach vier Jahren werden wir beurteilen, ob wir das Farmteam weiterführen wollen und können.  Das ist auch davon abhängig, ob wir die Ticket- und Sponsorenerträge in der Swiss League erhöhen können. Hier kommen Herausforderungen auf uns zu. Aber wir sind überzeugt, dass das Farmteam ein sehr wichtiger Bestandteil in unserem Ausbildungsprogramm ist.

Hohe Investitionen in Schlüsselspieler, Einsparungen in der Kaderbreite: Soll dieses Rezept den EVZ zum zweiten Meistertitel führen?

Ja, das haben wir so definiert. Wir werden nie die Mittel haben von Bern, Zürich und Lugano. Wir pflegen kein Mäzenatentum und besitzen kein Stadion für 17 000 oder 12 000 Zuschauer. Wir müssen unseren eigenen Weg finden und unser Geld clever einsetzen. Es gibt Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Die Verantwortung dieser Spieler wollen wir auf noch mehr Schultern verteilen.  Im Gegenzug sollen vergleichsweise günstige Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eingebaut werden. Das heisst: Wir werden uns in Zukunft immer wieder von etablierten Spielern trennen, um Platz für Eigengewächse zu schaffen. Die Vision ist, dass 2022 die Hälfte der Spieler aus den eigenen Reihen stammt. Dazu stehe ich. Und die kommenden Jahrgänge stimmen mich zuversichtlich.

Vor einigen Jahren war Zug noch ein unspektakulärer Verein im Niemandsland der höchsten Spielklasse, jetzt hat er den Status eines Topklubs und kann im Werben um die besten Spieler mitmischen. Eine erstaunliche Entwicklung.

Wir haben unser Profil geschärft, darauf sind wir stolz. Wir haben viel in die Zukunft des Klubs investiert, damit wir konstant an der Spitze mitspielen können. Es ist schön, dass man dies nun wahrnimmt.

Apropos Zukunftinvestition: Strebel erstellt das Sportzentrum OYM, das seinesgleichen sucht und dem EVZ ab 2020 ganz neue Trainingsmöglichkeiten ermöglicht. Strebel sagte zu Saisonbeginn, Zug werde eine Macht sein. Das sind grosse Worte.

Sie zeugen von seiner Überzeugung und seinem Herzblut. Der EVZ wird weitherum die beste Infrastruktur haben, wenn es um die Ausbildung von Athleten geht. Aber die Infrastruktur allein genügt nicht, wir brauchen auch gutes Personal und weiterhin die richtige Einstellung. OYM, Academy, Farmteam: Wir haben hervorragende Rahmenbedingungen geschaffen. Doch erst müssen wir die Puzzelstücke noch zusammenfügen. Dafür braucht es den Effort der gesamten Organisation.