«Letztlich verkaufen wir Emotionen»

Donnerstag, 06.12.2018 // 08:30 Uhr

Interview mit EVZ CEO Patrick Lengwiler im Magazin Sponsoring Extra

Der EV Zug zählt im Schweizer Eishockey zu den Innovationstreibern. Dank einem modernen Eishockey-Stadion, zukunftsweisenden Investitionen und einer professionellen Unternehmensführung hat sich der Zentralschweizer Klub zu einer attraktiven Adresse im nationalen Sportmarketing entwickelt. Als nächste grosse Herausforderung nimmt sich der EVZ der Digitalisierung und steht am Ursprung der Idee zur Realisierung eines neuen nationalen Kompetenzzentrums für Spitzenathletik und Forschung.

20 Jahre nach dem letzten Meistertitel ist der sportliche Hunger des EV Zug gross. Der EVZ wird aufgrund seiner positiven Entwicklung immer lauter als Klub der Zukunft gehandelt. Inwieweit ist der EVZ heute eine Macht im Schweizer Eishockey? Welchen Anspruch verfolgt der Klub?

Patrick Lengwiler: Wir haben in den letzten Jahren sehr viel verändert, umgesetzt und geniessen heute einen sehr hohen Respekt hierfür. Wir haben eine langfristige und nachhaltige Denkweise in unserer Unternehmung etabliert und dies im Sportwettbewerb, bei welchem eigentlich nur die kurzfristigen Erfolge wahrgenommen werden. Der EVZ ist heute grundsolide aufgestellt und erwirtschaftet einen Gewinn. Sportlich verfolgen wir das Ziel, künftig jedes Jahr an der Spitze des Schweizer Eishockeys mitreden zu können, respektive uns auf hohem Niveau zu etablieren. Wir haben ganz klar den Anspruch, jede Saison um den Meistertitel zu kämpfen!

Welche „Milestones“ haben den Klub unternehmerisch auf den Erfolgspfad geführt?

Lengwiler: Das Fundament für den Aufschwung wurde 2010 mit der Eröffnung der Bossard Arena gelegt. Eine gute Sport- und Business-Infrastruktur ist das A und O für einen sportlich ambitionierten Klub in der höchsten Spielklasse. Mit dem neuen Stadion gingen auch die gesamten Gastro-Rechte in unsere Hände. Dies ermöglichte uns nebst den Mehreinnahmen im Ticketing zusätzliche neue Wertschöpfung in der Gastronomie. Innerhalb einer Saison steigerten wir unseren Umsatz von 15 auf rund 20 Millionen Franken – und seither ist das Unternehmen durch weitere Geschäftsaktivitäten kontinuierlich auf aktuell rund 30 Millionen Franken Umsatz gewachsen. Letztlich basiert der Erfolg auf vielen Puzzleteilen, die schrittweise zusammengefügt wurden. So etwa 2012 mit der Gründung einer neuen operativen Struktur: von einem dreiköpfigen Führungsteam zu einem CEO in meiner Person, der seither für alle Geschäftsbereiche und die Umsetzung unserer Vision und Werte verantwortlich ist. 2013 übernahmen wir die Eventrechte für die Bossard Arena, der dazugehörenden Trainings- und Curlinghalle und dem attraktiven Aussenbereich. Im selben Jahr übernahmen wir zwei weitere Restaurants in Zug, wobei wir heute nur noch einen Betrieb führen. 2014 erfolgte im Zuge unseres positiven Wachstums die nächste Reorganisation, beziehungsweise die Schaffung einer Holdingstruktur. Im gleichen Jahr, und damit ein Jahr früher als ursprünglich geplant, lancierten wir auf der sportlichen Seite unser neues Ausbildungskonzept «The Hockey Academy». Dies aus der Überzeugung, dass wir in die Nachwuchsförderung investieren müssen. Das ist für uns der einzige machbare Weg, um an die Spitze zu kommen. Aus demselben Grund kam 2016 schliesslich noch unser Farm-Team EVZ Academy dazu, mit welchem wir seither in der Swiss League spielen. Zwei weitere Milestones stellen die Jahre 2017 und 2018 dar: 2017 als Jubiläumsjahr 50 Jahre EVZ, und 2018 als Jahr, das uns vor allem hinter den Kulissen stark beschäftigt – mit unserem grossen Digitalisierungsprojekt.

Inwieweit haben Sie sich am Geschäftsmodell des SC Bern orientiert, der mit seiner Gastro-Expansion eine Vorreiterrolle im Schweizer Eishockey einnahm?

Lengwiler: Der SC Bern hat mit seiner ausgeprägten Gastro-Strategie sicherlich viel Pionierarbeit geleistet. Davon schauten wir uns das eine oder andere an, respektive entwickelten eine für unsere Bedürfnisse adaptierte Strategie. Jede gute Organisation muss sich stets im Markt umsehen und prüfen, welche Optionen für das eigene Geschäftsmodell auch erfolgversprechend sein könnten. Allerdings sind wir uns bewusst, dass unseren Gastronomie-Expansionsmöglichkeiten ausserhalb des Stadions aufgrund der lokalen Rahmenbedingungen in Zug enge Grenzen gesetzt sind.

Welche Überlegungen spielten bei der externen Gastro-Expansion eine Rolle, ausser der Möglichkeit, Mehreinnahmen zu erwirtschaften?

Lengwiler: Bis 2012 herrschte im Stadion praktisch nur Winterbetrieb. Also suchten wir nach einer Möglichkeit, unsere Gastro-Ressourcen auch in den Sommermonaten einzusetzen und dadurch grosse personelle Kapazitätsschwankungen besser abzufedern. Allerdings erwies sich dies in der Umsetzung als schwieriger, als gedacht. Gleichzeitig haben wir die Eventrechte für die Arena übernommen, was uns seither erlaubt, selber das Stadion auch während den Sommermonaten mit Events zu vermarkten. Heute präsentiert sich die Eventauslastung im Stadion auch im Sommer auf einem recht guten Niveau, sodass wir im Gastro-Bereich nicht unbedingt auf Aktivitäten ausserhalb des Stadions angewiesen sind.

Wie sieht Ihre Stadion-Eventstrategie im Sommer aus?

Lengwiler: Grundsätzlich ist es in unserer Arena ganzjährig möglich, Anlässe durchzuführen. Der Fokus liegt aber sicher stark auf der eisfreien Zeit und damit den Monaten Mai bis Juli. Hier öffnen wir das gesamte Stadion für Drittanlässe praktisch jeder Art: von Public Events im Sport wie etwa Kickboxen und Handball-Länderspiele, Comedy Night bis Corporate Events wie Generalversammlungen und Konferenzen. Zusätzlich führen wir als EVZ auch eigene kleinere Veranstaltungen durch. So organisieren wir beispielsweise im Rahmen eines Zuger Gesundheitsprojekts mehrmals Sportanlässe für jedermann, wobei auch unsere Eishockey-Cracks aktiv teilnehmen. Nebst der Arena selber können ganzjährig Private und Firmen auch kleinere Events in den verschiedenen Räumlichkeiten und Restaurants des Stadions durchführen, natürlich immer in Abstimmung mit den Grossanlässen in der Arena und den Bedürfnissen der Sponsoren, Gönnerorganisationen und der Nachfrage im Hospitality- und VIP-Bereich. In der Eishockey-Saison 2017/2018 erreichten wir bei den Heimspielen eine Zuschauerauslastung von 97 Prozent, die höchste Auslastung aller Eishockey-Stadien in unserem Land! Wir sind bestrebt, die Bossard Arena ganzjährig als Eventlocation für vielfaltige Ansprüche zu positionieren.

Und wie gross ist während der Eishockey-Saison die Auslastung im VIP- und Hospitality-Bereich?

Lengwiler: Ab Ende Oktober, wenn die Eishockey-Saison schon ein paar Wochen alt ist und die Fans so richtig in Stimmung gekommen sind, sind wir in der Regel im VIP- und Hospitality-Bereich in allen Kategorien praktisch ausverkauft. Es gibt vereinzelte Spiele, an welchen es noch Verfügbarkeiten hat.

Wie stark spüren Sie im VIP- und Hospitality-Bereich die Firmen-Compliance-Problematik? Mussten Sie bei der Angebotsgestaltung entsprechende Anpassungen vornehmen?

Lengwiler: Nein, das war bisher nicht nötig. Aber der Kundenkreis, in dem sich VIP- und Hospitality-Angebote verkaufen lassen, ist etwas kleiner geworden. Aber für uns bewegt sich diesbezüglich alles noch in einem verkraftbaren Rahmen, zumal die Nachfrage für VIP- und Hospitality-Produkte immer noch höher ist als unser Angebot. Zwar ist die Compliance-Problematik ein Thema, respektive war es eigentlich schon immer, vor allem bei grossen Firmen und je nach Branche, aber wir spüren doch mittlerweile eine gewisse Beruhigung. Ich gehe davon aus, dass sich diese Tendenz künftig fortsetzen und weitgehend eine vernünftige Normalisierung im Umgang mit Firmeneinladungen einkehren wird.

In der letzten Saison erreichten Sie eine Zuschauerauslastung von 97 Prozent. Lässt sich die Kapazität im Stadion erweitern?

Lengwiler: Leider nicht. Nachdem wir im letzten Jahr die baulichen Erweiterungsmöglichkeiten im Stadion komplett ausreizten, sind wir nun am Anschlag, mehr geht nicht. Das Stadion bietet insgesamt 7200 Plätze, davon 4512 Sitzplätze, 2352 Stehplätze und 186 Logenplätze. Zudem noch 90 Dine & View-Plätze und 60 Medienplätze.

Reicht denn die bestehende Zuschauerkapazität aus, um auch künftig erfolgreich wirtschaften beziehungsweise wachsen zu können?

Lengwiler: Es wird in den kommenden Jahren zweifellos schwieriger. Einerseits verfügen wir über eine starke Sponsorenstruktur, andererseits können wir zusätzlichen grossen Partnern mangels Kapazität kaum noch ausreichend Werbe-, VIP- und Hospitality-Plätze anbieten ...

Müssen Sie als Alternative nun eine Preiserhöhung im VIP- und Hospitality-Bereich ins Auge fassen, oder gar Standard-Zuschauerplätze zugunsten von mehr VIP-Plätzen opfern?

Lengwiler: Nein, letzteres käme bei den Eishockey-Fans ganz schlecht an. Und für Preissteigerungen haben wir bereits heute wenig Spielraum. Wir sind stolz, ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten zu können! Das wollen wir auch künftig so beibehalten und nicht plötzlich als diejenigen bekannt werden, die im VIP- und Hospitality-Bereich Sponsoren und Gäste mit völlig überteuerten Preisen abzocken. Wo wir jedoch noch Wachstumspotenzial haben, ist sicher im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung, die uns neue Chancen bietet.

Welche Chancen konkret?

Lengwiler: Bei den Heimspielen eine verkaufstechnisch grosse Auslastung zu haben, ist das eine, die tatsächlich besetzten Plätze sind eine andere Sache. Viele Saisonkartenbesitzer können natürlich nicht jedes Heimspiel besuchen. Gemäss einer kürzlich durchgeführten Umfrage können rund ein Drittel unserer Sitzplatz-Dauerkartenbesitzer rund 6-10 Spiele pro Saison gar nicht kommen. Wenn die Plätze besser besetzt sind, würde sich das automatisch auf den restlichen Konsum im Stadion auswirken. Mit neuen digitalen Systemlösungen haben wir für unsere Kunden die Möglichkeit geschaffen, dass eine Saisonkarte für einzelne Spiele bei Bedarf einfach und schnell online weitergegeben werden kann. Zudem richten wir eine Online-Wiederverkaufsplattform für Sitzplatztickets ein, für alle jene, die ein Spiel nicht besuchen können, selbst keinen Ersatz finden und auf diesem Weg das Ticket weiterverkaufen und letztlich am Verkauf mitpartizipieren können.

Wie weit ist das Digitalisierungsprojekt bereits fortgeschritten, und welche Vorteile soll das System sonst noch ermöglichen?

Lengwiler: Im letzten August schalteten wir einen ersten Teil der neuen Digitallösung online. Das Kernsystem der neuen Plattform – die übrigens im Schweizer Sportklub-Markt als führend gilt und bei zwei deutschen Fussball-Bundesligisten bereits erfolgreich im Einsatz ist –, erweiterten wir mit zusätzlichen Komponenten zu einem leistungsfähigen Gesamtsystem. Die wichtigsten Systemkomponenten sind nun datentechnisch vernetzt. Wenn sich ein EVZ-Kunde in irgendeiner unserer Onlineplattformen, etwa auf unserer Website oder später dann über unsere neue mobile App, einloggt, so wird er automatisch in allen anderen Systemen angemeldet, etwa für das neue Cashless-Payment für den Wurststand im Stadion. Oder wenn ein Kunde seine Stammdaten in einem System ändert, etwa beim Einkauf im Fanartikel-Webshop, dann wird diese Mutationen automatisch auch in den anderen EVZ-Systemen ausgeführt, etwa im Ticket-Webshop. Bisher war es so, dass solche Mutationen für jedes System separat getätigt werden mussten, was die Verwaltung sowohl für die Kunden als auch für uns verkomplizierte. Wir sind zuversichtlich, bis Ende dieses Kalenderjahres das gesamte Digitalisierungsprojekt realisiert zu haben.

Digitalisierung ist meistens mit hohen Investitionen verbunden. Werden nun die Fans die Zeche bezahlen müssen, unter anderem in Form von höheren Ticketpreisen?

Lengwiler: Nein, wir werden die beachtlichen Investitionen nicht auf unsere Kunden umlagern – im Gegenteil wir wollen unseren Kunden mehr bieten. Die neue digitale Plattform wird uns aber auch neue Vermarktungsmöglichkeiten bieten, welche wir nutzen wollen.

Dank der Digitalisierung entwickeln sich Sportveranstalter immer mehr auch zu Medienunternehmen. Welche Strategie verfolgen Sie im Multimedia- respektive Bewegtbildbereich?

Lengwiler: Unser Geschäftsmodell beruht letztlich darauf, Emotionen zu verkaufen. Und wie bringt man Emotionen am wirkungsvollsten rüber? Mit Live-Erlebnissen im Stadion sowie mit Bildern und Bewegtbildern. Nicht zuletzt deshalb investieren wir in die Digitalisierung. Ausser einem professionellen CRM-System und der Verknüpfung aller Geschäftsfelder ermöglicht uns die Digitalisierung eine bessere Darstellung von Bildern und Video auf unseren digitalen Kanälen wie Website, Social Media und App. Der Bild- und Video-Anteil auf unseren Onlineplattformen nimmt laufend zu. In der Arena selbst sind die Nutzungsrechte am Spielbetrieb bekanntlich umfassend vergeben. Jedoch alles, was ausserhalb des Spielfelds rund um den EVZ geschieht, können wir mit kreativen Ideen für eigenen Content nutzen, sei es von der ersten Mannschaft, im Ausbildungsbereich und natürlich von Events. Im Rahmen unseres Digitalisierungsprozesses wollen wir nachgelagert auch unsere Multimediastrategie vorantreiben, mit dem klaren Ziel, ein weiteres Standbein innerhalb unseres Geschäftsmodells aufzubauen.

Steht dabei die Kommerzialisierung der Multimediastrategie im Vordergrund?

Lengwiler: Auch, ja. Aber es geht mir bei der Weiterentwicklung unserer Multimedia-Aktivitäten vor allem darum, den EVZ nach aussen sichtbarer zu machen, die verschiedenen Facetten eines Klubs aus dem Schatten ins Licht zu führen und Interessierten zugänglicher zu machen. Mit spannenden Geschichten aus und rund ums gesamte Klubleben. Je besser uns das gelingt, desto identifikationsreicher und attraktiver werden wir sowohl für unsere Fans als auch für unsere kommerziellen Partner. Im besten Fall lässt sich der eine oder andere Sponsor bei bestimmten Aktion sogar integrieren – ein klarer Mehrwert für alle. Eine gute Multimediastrategie sollte man nicht isoliert betrachten, sondern immer so aufsetzen, dass sie alle Geschäftsfelder befruchten kann und Mehrwerte erzeugt.

Wo sehen Sie ausser der Digitalisierung sonst noch Wachstumsmöglichkeiten?

Lengwiler: Unser Ziel ist es, die Verweildauer von mehr Besuchern im Stadion zu vergrössern, dass ein grösserer Anteil als heute etwa bereits eine Stunde vor Matchbeginn in die Arena kommt, sich verköstigt und Zeit mit Freunden und hierbei die aufkommende Stimmung geniessen kann. Auch nach dem Spiel soll die Verweildauer im Stadion ausgedehnt werden. Heute ist es so, das über 80 Prozent der Stadionbesucher erst 15 Minuten vor Spielbeginn eintreffen und ziemlich zügig ihre Plätze aufsuchen. Nach Spielende ist das Stadion innert fünf Minuten so gut wie leer. Unsere Gastronomieflächen in der Arena sind im Vergleich zu vielen Stadien sehr begrenzt. Wenn wir vor Ort mehr Flächen mit Gastro- und weiteren attraktiven Angeboten nutzen könnten, etwa ein grosse Fan-Bar für 200 bis 250 Personen, dann würde das die Verweildauer der Besucher und damit die Wertschöpfung durch uns selber steigern. Wir wollen da mittelfristig Abhilfe schaffen und arbeiten an möglichen Lösungen.

Könnten temporäre Fan-Zeltbauten auf dem grossen Stadionvorplatz Abhilfe schaffen? Der Spengler Cup Davos zelebriert seit Jahren mit temporären Bauten ein funktionierendes Hospitality- und Fanzelt-Konzept. Wäre das ein adaptierbares Lösung?

Lengwiler: Das wäre ein Ansatz, jedoch für uns eine bewilligungstechnisch ziemliche Knacknuss. Wir führen jeweils im November und Dezember vor dem Stadion ein sehr gut besuchtes Fondue-Chalet. Das funktioniert ausgezeichnet und findet grossen Anklang. Da läge es natürlich nahe, etwa ein Fanzelt während der gesamten Saison zu betreiben, was jedoch einerseits an der entsprechenden ausgedehnten Bewilligung scheitert, andererseits wäre es wohl schwierig, eine solche Infrastruktur während der gesamten Saison bei jedem Heimspiel voll auszulasten. Bei einem kompakten Turnierevent wie der Spengler Cup ist das viel eher möglich. Aber es ist klar: Wenn wir uns wirtschaftlich weiter positiv entwickeln wollen, dann geht das nicht ohne mehr Fläche bewirtschaften zu können. Für Wachstum benötigen wir nicht unbedingt mehr Zuschauer, sondern wie erwähnt eine bessere Wertschöpfung rund um die Spiele. Ich hoffe, dass wir mit den bereits stattfindenden Gesprächen mit der lokalen Politik eine für alle Interessengruppen gute Lösung finden, die uns den erforderlichen Entwicklungsspielraum ermöglicht.

Wie vermarkten Sie den EVZ im Sponsoring, was ist Ihre Strategie?

Lengwiler: Wir vermarkten den EVZ im Sponsoring grundsätzlich massgeschneidert. Das heisst, jeder kommerzielle Partner erhält ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Sponsorenpaket. Hierzu bieten wir einem Unternehmen die gesamte Palette an, beziehungsweise je nach Verfügbarkeit: von Auftrittsmöglichkeiten im Stadion, bei unseren Teams bis hin zu bestimmten Projekten, wie etwa die EVZ-Academy oder in der Nachwuchsförderung.

2015 konnte das Stadion-Naming-Right mit dem EVZ-Hauptsponsor Bossard um drei Jahre verlängert werden. Wie geht es nun weiter? Wird das Stadion auch künftig Bossard Arena heissen?

Lengwiler: Das Naming-Right des Stadions vermarkten nicht wir, sondern die Stadt Zug als Eigentümerin. Bis 2020 heisst das Stadion weiterhin Bossard Arena, mit der üblichen Option auf eine Verlängerung.

Die Sicherheit im und rund ums Stadion ist im Eishockey ein veritabler Kostenfaktor, wenn auch weniger stark ausgeprägt als im Fussball. Inwieweit haben Sie die Sicherheitskosten im Griff?

Lengwiler: Bei den Sicherheitskosten ist die Budgetierung  wie ein Blindflug für uns. Wir haben in Zug seit ein paar Jahren die Verordnung, dass wir für Heimspiele 60 Prozent der Polizeikosten bezahlen müssen. Der springende Punkt ist, dass die Polizei die Grösse des jeweiligen Sicherheitsdispositivs bestimmt und uns die Rechnung stellt. Ich habe hier gemäss meinem Grundverständnis nach wie vor Mühe, dass der Besteller gleichzeitig die Rechnung stellt, und ein Dritter diese bezahlen muss. Mit dieser Regelung kann  die Polizei die Höhe der Rechnung nach eigenem Gutdünken bestimmen und wir bezahlen, so etwas lässt sich nicht budgetieren. Wir haben aber ein gutes Einvernehmen mit den Behörden bei der Kooperation von Polizeieinsätzen und unseren eigenen Sicherheitsaktivitäten entwickelt. Wir müssen damit leben.

Nun verfügt die Bossard Arena über gute Infrastrukturen und Zug könnte den einen oder anderen zusätzlichen kulturellen oder sportlichen Anlass durchaus vertragen. Welche Ambitionen haben Sie, die Bossard Arena zu einem Eventtempel der Zentralschweiz zu machen?

Lengwiler: Eine an sich schöne Vorstellung. Vor unserer Zeit hätte es ja auch schon die Gelegenheit gegeben, etwa den Musikantenstadel bei uns stattfinden zu lassen. Hierfür wurde die Arena zu Beginn aber nicht konzipiert und musste in der Folge nachgerüstet werden. Heute wäre dies möglich. Für uns geht es darum, die richtigen Events für den Platz Zug und dessen Infrastruktur zu finden. Zürich als der Platz für grosse Shows und Konzerte mit internationalen Popstars ist nah. Aber für Corporate-Anlässe sind wir schon heute prädestiniert, eben aufgrund der entsprechend ausgerüsteten Stadioninfrastruktur und der einzigartigen Lage am wunderschönen Zugersee.

Wie viele Public- und Corporate Events finden jährlich ausserhalb des Eishockey-Spielbetriebs im Stadion statt?

Lengwiler: Pro Jahr sind es rund zehn grössere Veranstaltungen. Somit haben wir noch etwas Spielraum nach oben, bis insgesamt zirka 20 stadionfüllende Anlässe jährlich nebst unserem Eishockey-Spielbetrieb.

Inwieweit profitiert der EVZ davon, dass sich Zug in den letzten Jahren wirtschaftlich enorm entwickelt hat, viel Vermögen auf sich zieht und sich immer mehr Welt-Konzerne niederlassen?

Lengwiler: Zwar siedeln viele Konzerne in Zug ihre Head-Offices ein, aber meistens mit relativ schlanken Personalstrukturen. Gleichzeitig ist es schon so, dass wir die starke wirtschaftliche Entwicklung in Zug auch bei uns im Sponsoring spüren. Seit Jahren verfügen wir über eine sehr solide und treue Sponsorenstruktur.

Wissen zugezogene Konzerne, dass Zug mit dem EVZ über ein grosses Aushängeschild verfügt und ein angemessenes Engagement einen ersten positiven Eindruck machen kann? Wie gehen Sie da jeweils vor?

Lengwiler: Zug ist eine Hockeystadt. Die Firmen bekommen schon selbst mit, welch hohe Bedeutung  Eishockey und damit der EVZ in Zug haben. Da ergeben sich die Kontakte oft von selbst. Allerdings ist es nicht so, dass Firmen gleich mit einem grossen Sponsorenangebot bei uns auf der Matte stehen, sondern am Anfang steht oft ein einfaches VIP-Paket, das bei Gefallen und nach einer gewissen Zeit des sich Kennenlernens schrittweise erweitert wird, oder eben nicht, je nach Bedarf halt.

Wie stark spüren Sie Neid von anderen Klubs, die nicht von so viel Reichtum umzingelt sind wie der EVZ?

Lengwiler: Also da muss ich relativieren. Zwar leben wir tatsächlich in einer Region mit viel Vermögen, und einige unserer Kontrahenten gehen infolgedessen davon aus, dass wir bei Bedarf das nötige Geld finden. Aber unser Geschäftsmodell beruht nicht auf Mäzenen, sondern auf einem zu erarbeitenden Business-Modell, und dies Jahr für Jahr. Unsere Mitarbeitenden arbeiten tagtäglich hart für den Erfolg unserer Organisation, sie sind unser Erfolg – dies lasse ich mir nicht nehmen von Personen, welche bewusst etwas Anderes behaupten. Aber Neid muss man sich bekanntlich ja zuerst erarbeiten – das haben wir wohl getan.

Einen „Mäzen“ gibt es aber: Inwieweit ist der Klub abhängig vom finanziell starken Mann, dem seit 2015 amtierenden EVZ-Präsident Hans-Peter Strebel?

Lengwiler: Es ist weder meine noch die Überzeugung von Hans-Peter Strebel, den Klub auf der Basis von finanziellen Abhängigkeiten aufzubauen. Das wäre gegen unsere langfristige Denkweise. Eine ganze Unternehmung in die Abhängigkeit einer Einzelperson und deren finanziellen Beiträgen zu setzen, ist nicht nachhaltig. Zudem leidet die Professionalität eines Klubs in dem Masse, wie am Ende des Geschäftsjahres finanzielle Engpasse von einem Mäzen gedeckt werden. So könnte man in einem Unternehmen auch keine Mitarbeitende führen, denn deren Arbeit wäre nicht wichtig. Der Posten eines CEO würde zur Bedeutungslosigkeit – einen solchen Job will ich nicht.

Aber wie definieren Sie die Rolle von Hans-Peter Strebel, wenn es beim Klub um die Mittelbeschaffung geht?

Lengwiler: Hans-Peter Strebel ist EVZ-Präsident, Mehrheitsaktionär, Initiator und Projektförderer. Er hilft uns beim Anstossen von Projekten, die unsere Basis stärken und langfristig absichern helfen, die jedoch in der Realisierungsphase die finanziellen Möglichkeiten des Klubs überschreiten. Ich habe mich vor einigen Jahren klar und dezidiert intern im Verwaltungsrat geäussert, dass ich die Zukunft des EVZ mit einem schweizweit einzigartigen Ausbildungskonzept, der Hockey Academy, als strategische Ausrichtung sehe. Ein solches Konzept hochzufahren benötigte eine erhebliche Startfinanzierung, welche Hans-Peter Strebel übernommen hat. Dank seiner Startfinanzierung gelang uns der Aufbau von The Hockey Academy im Jahr 2014 und die Ergänzung dessen mit dem eigenen Farm-Team im Jahr 2016. Die Innovationskraft unserer Organisation steht auch am Ursprung des jüngsten und wohl nun bei weitem grössten durch Hans-Peter Strebel finanzierten Projekt  „On Your Marks“, kurz OYM. Für mich ist das ein Paradebeispiel dafür, wie sich vermögende Personen im Schweizer Sport sinnvoll engagieren können: als Unterstützer von Projekten, die den Sport nachhaltig fördern. Wer in solchen Unterstützern nur ein Mittel sieht, um Löcher in der Klubkasse zu stopfen, der hat bereits verloren und schreckt obendrein auch noch potenzielle Unterstützer ab. Hans-Peter Strebel ist ein Glückfall für den EVZ und für die ganze Schweizer Sportwelt.

Worum geht’s bei OYM?

Lengwiler: OYM wird ein Kompetenzzentrum für Spitzenathletik und Forschung. Damit erhalten Spitzensportler und Spitzensportlerinnen aller Sportdisziplinen ein Kompetenzzentrum, das eine hochspezialisierte Athletikinfrastruktur, modernste Sport- Performance-Flächen, eine Mensa mit sportlergerechter Ernährung und interdisziplinäre Forschung unter einem Dach vereint. Das ist sehr wichtig, weil gerade die Athletik im Eishockey und generell im Schweizer Sport stark an Bedeutung gewinnt. Um Athletik richtig trainieren zu können, fehlte es bis anhin an der hierfür notwendigen Fläche und Infrastruktur. Für uns gibt es zudem diverse hockeyspezifische Trainingsinfrastrukturen neben dem Eis und ein Eisfeld, welches von europäischen auf die nordamerikanische Masse verändert werden kann. Ab 2020 können der EVZ, Einzelsportler und Teams, wie zum Beispiel die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, im OYM von einer Top-Infrastruktur, idealen Trainingsbedingungen und einer persönlichen Betreuung profitieren. So wird jede Athletin und jeder Athlet die individuelle Performance maximieren können. Diese Verbindung von Forschung und Spitzenathletik ist in der Schweiz absolut einzigartig.

Und was kostet der Bau des Projekts?

Lengwiler: Das Investitionsvolumen für OYM beträgt insgesamt knapp 100 Millionen Franken. Hans-Peter Strebel nennt dies sein Geschenk an die Gesellschaft, da ihm der Sport, insbesondere der Eishockeysport durch den EVZ viel bedeutet und gegeben hat. Ausserdem werden im OYM Sport und Forschung, zwei Leidenschaften von ihm, kombiniert. OYM wird nicht nur athletisch neue Ansätze setzen, sondern der Bau wird als zentraler, lebendiger Bestandteil das neue Lorzenquartier in Zug bereichern und darüber hinaus dank seiner nationalen Ausstrahlung sowohl die Region Zug als auch Cham stärken, wo sich bereits zahlreiche Unternehmen aus der Sportbranche angesiedelt haben.

Wird OYM in die EVZ-Gruppe integriert?

Lengwiler: Nein. Das Projekt wird von Hans-Peter Strebel privat finanziert, gebaut und betrieben. Der EVZ wird Ankermieter der OYM-Infrastruktur.

Kommen wir noch auf E-Sports zu sprechen, der in aller Munde ist. Wie sieht es damit beim EVZ aus? Haben Sie eine Strategie im E-Sport?

Lengwiler: Nein.

Warum nicht? Benötigen Sie keine?

Lengwiler: Ich warte ab. Die Entwicklung im E-Sport ist allgemein sehr schwierig zu beurteilen. Klar, es gibt offenbar einen gewissen Hype zu diesem Thema, jedoch primär ausserhalb der Schweiz. Deshalb bin ich derzeit der Meinung, E-Sport bei uns nicht zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen. Aber selbstverständlich werden wir die Entwicklung weiterhin sehr genau beobachten.

Und zum Schluss: 2019 finden das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Zug statt. Wie können Sie mit der Bossard Arena vom grössten Schweizer Sportanlasss profitieren? Wird das ESAF 2019 für den EVZ zu einem super Geschäft?

Lengwiler: Ausser ein paar wenigen Büros sind alle Indoor- und Outdoor-Flächen der Bossard Arena während fünf Tagen an den Organisator des ESAF 2019 vermietet. Wir werden also während dieser Zeit fast komplett ausziehen und den Trainingsbetrieb anderweitig bestreiten. Die Infrastruktur im Stadion wird primär für das VIP- und Hospitality-Catering genutzt, betrieben vom entsprechenden Partner des ESAF 2019. Der Outdoor-Bereich vor dem Stadion ist prädestiniert für ein grosses Public Viewing, Catering und für andere Besucherattraktionen. Selbstverständlich freuen wir uns darauf, Teil dieses einzigartigen Volksfestes sein zu dürfen!

Interview: Jürg Kernen